An der texanischen A&M Universität und acht anderen US-amerikanischen Colleges können Lehrkräfte jetzt direkt einsehen, ob Studenten ihre digitalen Lehrbücher vollständig lesen, ob sie sich Notizen machen oder auch wirklich die wichtigen Stellen notieren. Möglich macht es die Software eines Startups namens CourseSmart.

Massiver Eingriff „mit guten Absichten“

In einem Bericht der New York Times gibt Dekanin Tracy Hurley offen zu, wes Geistes Kind diese Technologie ist und vergleicht es mit „Big Brother“, „aber mit guten Absichten“. Auch die allmächtige Partei aus George Orwells dystopischem Roman „1984“ hatte vermutlich gute Absichten bei der Überwachung der Bürger. Und auch wenn Netzaktivisten es vielleicht nicht so sehen, auch die deutsche Regierung hatte sicherlich gute Absichten bei der Einführung der Vorratsdatenspeicherung. Letztlich sollten Absichten jedoch keine Rolle spielen, wenn das Ergebnis, wie im Falle von CourseSmart, ein massiver Eingriff in die Freiheit eines Individuums darstellt.

Große Verlage sammeln schon seit geraumer Zeit über die eReader Daten über die Nutzung ihrer eBooks. Im Unterschied zu CourseSmart allerdings, werden diese Daten nur intern verwendet, und nicht nach Studenten geordnet an die entsprechenden Lehrkräfte weitergegeben. Die New York Times zitiert eine Lehrkraft der A&M Universität, die anhand der Software auf einen Studenten gestoßen ist, der zwar gute Noten in den Klausuren schrieb, sein Lehrbuch aber nur ein einziges Mal geöffnet hatte. Grund genug, den Studenten auf seine Lerngewohnheiten anzusprechen. Und ja, es ist hilfreich gemeint, aber warum sollte ein Student, dem eine Nacht des Lernens ausreicht, gegängelt werden? Könnte er mit dieser Lernmethode im späteren Verlauf seines Studiums Probleme bekommen? Vermutlich, aber ist es nicht seine Entscheidung?

Papier-Notizen: Studenten wirken faul

In dem Artikel wird ein weiteres Problem angesprochen. Wer Notizen nicht über das von CourseSmart aufgezeichnete Interface macht, sondern beispielsweise auf Papier, bekommt logischerweise eine niedrigere Bewertung für Engagement von der Software. Die Bewertung kann die Meinung eines Professors über den entsprechenden Studenten beeinflussen. Letztlich müssten Studenten sich nicht nur überwachen lassen, sondern auch ihre Art des Lernens an das Programm anpassen. Doch Menschen lernen individuell. Manch einer bevorzugt handgeschriebene Notizen, weil er so besser lernen kann, andere eben nicht. Das Ersterer dadurch in den Augen eines Professors faul wirkt, und vielleicht dadurch weniger persönliche Förderung erhält, ist nicht auszuschließen.

CourseSmart selber hält ihre Software übrigens für einen guten Weg und will die Ergebnisse in Zukunft mit den Verlagen teilen, um die Lehrbücher anhand der Daten anzupassen. Unnötig kompliziert geschriebene Kapitel könnten so zum Beispiel angepasst werden. Dass man denselben Effekt mit ein paar Testlesern und einem guten Lektorat auch hinbekäme, ohne Studenten bei ihrer Lektüre zu überwachen, scheint nicht von Belang zu sein.

„Big Brother“ an der Uni – eReader-Überwachung als massiver Eingriff in Studenten-Freiheit
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