Als der frühere Polizist Richard Linville im eigenen Haus überfallen, gequält und am Ende umgebracht wird, ist das ein Schock für Kate Linville, selbst Polizistin und Tochter des Opfers. Warum musste Richard sterben? Kate gräbt tief im Leben des Vaters und fördert dabei in „Die Betrogene“ von Charlotte Link nicht nur Angenehmes zutage.

Bei aller Spannung, die nordeuropäische Krimis in den vergangenen Jahren zu erzeugen vermochten: Die ermittelnden Kommissarinnen und Kommissare waren stets charakterfeste Typen, meinungsstark, sicher im Auftreten, mit Chuzpe ausgestattet oder ungemein charmant und draufgängerisch.

Cover "Die Betrogene" von Charlotte Link (c) Blanvalet

Cover „Die Betrogene“ von Charlotte Link (c) Blanvalet

Aber auch die fiktiven deutschen Kriminalistinnen sind in der Regel taff, hart gegen sich selbst und gegen andere oder zumindest ein wenig durchgeknallt wie etwa Sibel Kekillis Figur Sarah Brandt im Kieler Tatort. Alles wunderbare Charaktere, keine Frage. Aber vielleicht war die Zeit mal wieder reif für eine Ermittlerin wie Kate Linville.

Erfolglos, vereinsamt und scheu

Kate, die Antiheldin, wird als „typische graue Maus“ bezeichnet, als „klein, dünn, verhuscht“. Sie ist ziemlich kontaktscheu und hat auch im Beruf keine großen Erfolge vorzuweisen, obwohl sie bei Scotland Yard arbeitet. Dennoch zeigt sie Anzeichen von Zielstrebigkeit, wenn sie etwa aus London in ihr früheres Elternhaus zurückzieht, um die lahme örtliche Polizei bei den Ermittlungen zu unterstützen – die steht unter der Leitung von Chief Inspector Caleb Hale, der allerdings mehr damit zu tun hat, seine Sauferei in den Griff zu bekommen, als einen Mord aufzuklären.

Just in dem Moment, in dem man sich als Leser auf einen handfesten Kriminalroman der Sorte „Whodunit“ (wer war es) eingestellt hat, verleiht Charlotte Link dem Buch einen zweiten Handlungsstrang, der vom Polizistenmord weit entfernt scheint.

Wir begleiten hier eine Familie mit Adoptivsohn in den Urlaub, und zwar in die Hochmoore von Yorkshire, wo die Idylle bald dem Schrecken weicht: Eine fremde Frau – die leibliche Mutter von Sammy, dem adoptierten Sohn des Ehepaars – taucht auf und kurz danach auch noch deren Lebensgefährte, der sich nicht unter Kontrolle hat. Düstere Wolken ziehen auf über Yorkshire.

Unblutig geht es nicht gerade zu

Man kann über „Die Betrogene“ sagen was man möchte: Unblutig ist Charlotte Links Roman nicht gerade. Denn je weiter sich die beiden scheinbar zusammenhangslosen Handlungen ineinander verweben, desto klarer sieht Kate, dass es im Leben ihres Vaters dunkle Flecken gegeben hat. Ein düsteres Geheimnis aus der Vergangenheit fordert schon bald weitere Menschenleben. Und wer ist am Ende eigentlich die Betrogene?

Festzuhalten bleibt: ein weiteres hervorragendes Buch aus dem Œuvre von Charlotte Link. Von der ersten Seite an versteht es die Autorin, Spannung aufzubauen rund um die vielschichtigen Figuren. Dazu streut sie einige unerwartete Wendungen ein. Kurzum: ein gelungener Krimi, der Lesevergnügen bereitet.

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„Die Betrogene“ von Charlotte Link: Bahn frei für die Antiheldin
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