Ist es nicht die Urangst aller Eltern, ihre Kinder zu verlieren oder gar niemals zu Gesicht bekommen? Das Spiel mit dieser Angst gelingt Leonie Haubrich in ihrem jüngsten Roman nur allzu gut. Mit ihrem Psychothriller „Der Zweite“ gewährt sie den Lesern einen tiefen und erschreckenden Einblick in die Abgründe der menschlichen Seele.

Ein Kind tot zu gebären oder unmittelbar nach der Geburt zu verlieren, ist für viele Eltern ein furchtbarer Schicksalsschlag. Noch schlimmer, wenn diesen Eltern die Möglichkeit genommen wird, sich von ihrem Kind zu verabschieden. Doch was passiert, wenn eine Mutter sich gar nicht von ihrem Kind verabschieden will?

Was, wenn eine Mutter nicht loslassen will?

Zu Beginn des Romans gewährt die Autorin den Lesern einen Rückblick in die Vergangenheit der Hauptfigur Britta. Während diese und ihrer Mann voller Vorfreude Zwillinge erwarten, wird das jähe Glück kurz vor der Geburt zerstört. Es gibt Komplikationen, heißt es, und Britta muss einem Notkaiserschnitt unterzogen werden. Als sie wieder zu sich kommt, erhält sie die erschütternde Nachricht: ihre Tochter Jennifer hat den Kaiserschnitt zwar überlebt, ihr Sohn Tim ist jedoch bei der Geburt gestorben.

Cover "Der Zweite" von Leonie Haubrich (c) Haubrich/Amazon

Cover „Der Zweite“ von Leonie Haubrich (c) Haubrich/Amazon

Völlig fassungslos muss Britta hinnehmen, dass sie weder den Leichnam, noch ein Foto von ihrem geliebten Sohn zu Gesicht bekommt. Es scheint, als habe Tim nie existiert.

21 Jahre später: Britta ist eine gebrochene Frau mittleren Alters, die den Tod ihres Sohnes auch nach vielen Jahren nicht überwunden hat. Noch heute kann sie das Unglück nicht hinnehmen und konstruiert eine Welt rund um Tim, zu der sie auch ihrer Tochter Jennifer keinen Zutritt gewährt.

Ihr Ehemann, der seit dem Unglück nicht mehr an Britta herankommt, ist unlängst aus der Ehe ausgebrochen und gründet mittlerweile eine neue Familie. Auch Tochter Jennifer ist erwachsen geworden und flüchtet vor der erdrückenden Atmosphäre ihres einstigen Elternhauses.

Als Jennifer ihrer Mutter jedoch eines Tages ihren neuen Freund Thorben vorstellt, der Jennifer bis aufs Haar gleicht, glaubt Britta, in dem jungen Mann ihren todgeweihten Tim zu erkennen. Nur kurze Zeit später folgt das Unfassbare: in der einstigen Klinik, in der auch Britta ihren Sohn verlor, verschwindet ein weiteres Frühchen. Brittas tiefste Sehnsüchte und Ängste sind erwacht und spätestens jetzt glaubt sie, dass diese Geschehnisse kein Zufall mehr sind.

Was, wenn Tim gar nicht tot ist? Wenn er ihr gestohlen und an eine fremde Familie verkauft wurde? Schon sehr bald ahnt Britta, dass Tims Verschwinden nur ein kleines Puzzleteil innerhalb eines riesigen Ärzte-Komplotts sein könnte.

Sie beginnt, auf eigene Faust zu recherchieren und findet sich schon bald in einem Wettlauf um die Wahrheit wieder.

Vertraue niemandem

In insgesamt 29 Kapiteln auf 300 Seiten nimmt die Autorin ihre Leser förmlich gefangen und lässt sie in eine vielschichtige und fesselnde Szenerie eintauchen. Die detailreichen Beschreibungen von Personen, Kulisse und Geschehnissen entwickeln einen wahren Sog und machen jede Art von Handlung und Gefühlen sehr gut nachvollziehbar.

Besondere Stilmittel der Autorin sind zweifelsohne Brittas Tagebucheinträge, welche die trauernde Mutter ihrem Sohn widmet. Diese verdeutlichen Brittas tiefe Sehnsucht nach ihrem totgeglaubten Sohn Tim und lassen die Protagonistin nur allzu menschlich werden.

Trotzdem sollten Leser der Geschichte wachsam folgen, da man sich nie sicher sein kann, welche Theorie um Tims Verschwinden denn nun die richtige ist. Bis zum Schluss bleibt die Geschichte so undurchsichtig, dass zu keinem Zeitpunkt klar ist, welchen Personen man nun wirklich trauen sollte.

Fazit: Ein ausgefeilter Psychothriller mit Tiefgang

Mit „Der Zweite“ liefert Leonie Haubrich ein emotionales und psychologisch ausgefeiltes eBook, welches das Prädikat „Psychothriller“ ohne Einwand verdient hat.

Dank der permanenten Spannung und vielen unerwarteten Wendungen entpuppt sich das Werk zum fesselnden Pageturner, der den Leser am Ende tief berührt zurücklässt. Liebhaber dieses Genres machen mit diesem Roman nichts verkehrt.

„Der Zweite“ in Amazons Kindle-Shop
– (Noch) nicht als ePub-eBook erhältlich

„Der Zweite“ von Leonie Haubrich: Ein Kind, das nie existiert hat
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